Dua beim Betreten der Moschee: Hadithe und Praxis
Wer die Tür zur Moschee öffnet und einen Schritt hineintritt, steht an einem Übergang. Der Quran beschreibt die Moschee als Ort, den nur die pflegen, die glauben, beten und Zakat geben (Sure 9:18). Diese knappe Beschreibung setzt einen Rahmen: Eintreten ist kein neutrales Handeln.
Als Imam in Neukölln erlebe ich regelmäßig, dass Gemeindemitglieder seit Jahren täglich beten und die Moschee kennen, aber diese zwei kurzen Duas noch nie bewusst gesprochen haben. Nicht aus Gleichgültigkeit. Niemand hat sie ihnen beigebracht.
Die Dua beim Eintreten der Moschee
Die Überlieferung kommt von Abu Humaid oder Abu Usayd al-Ansari (radiAllahu 'anhuma), überliefert in Sahih Muslim, Nr. 713. Der Prophet (Friede sei mit ihm) lehrte:
"Bismillah, was-salatu was-salamu 'ala rasulillah. Allahumma iftah li abwaba rahmatik."
Auf Deutsch: "Im Namen Allahs, Friede und Segen auf dem Gesandten Allahs. O Allah, öffne mir die Tore Deiner Barmherzigkeit."
Kurz. Kein langer Vortrag. Die Bitte ist direkt: Lass mich durch die Tür eintreten, durch die Barmherzigkeit kommt, nicht nur durch die Tür aus Holz. Einige Gelehrte empfehlen, zusätzlich Salawat auf den Propheten zu sprechen, bevor man diese Dua beginnt. Ibn Baz erwähnt das als lobenswerte Ergänzung, nicht als Pflicht.
Die Dua beim Verlassen der Moschee
Beim Verlassen dreht sich die Bitte um:
"Bismillah, was-salatu was-salamu 'ala rasulillah. Allahumma inni as'aluka min fadlik."
"Im Namen Allahs, Friede und Segen auf dem Gesandten Allahs. O Allah, ich bitte Dich um Deinen Freimut."
Ebenfalls Sahih Muslim, Nr. 713. Der Unterschied ist klein, aber inhaltlich bedeutend. Beim Eintreten bittet man um offene Türen der Barmherzigkeit. Beim Verlassen um Allahs Gabe (fadl), also um das, was man aus der Moschee mit in die Welt trägt. Das Gebet ist vorbei. Das Leben davor beginnt wieder. Und man bittet Allah, beides zu verbinden.
Tahiyyat al-Masjid: Das erste Gebet nach dem Eintreten
Direkt nach dem Betreten steht eine weitere Sunnah: zwei Rak'at Tahiyyat al-Masjid, das Begrüßungsgebet der Moschee. Überliefert bei Bukhari (Nr. 1163) und Muslim (Nr. 714), auf Abu Qatada al-Ansari zurückgehend:
"Wenn einer von euch die Moschee betritt, soll er nicht sitzen, bevor er zwei Rak'at gebetet hat."
In der Praxis heißt das: wer zehn Minuten vor dem Adhan ankommt, sitzt nicht in einer Ecke und tippt auf dem Handy. Er betet zwei Rak'at. Kürzer, wenn nötig. In der Hanafi-Schule gilt: wenn die Iqama bereits gesprochen wird, ist die Tahiyyat hinfällig. Das Pflichtgebet übernimmt sie. Wer zur Jama'a kommt und der Imam bereits im Gebet ist, tritt der Reihe bei, nicht der Sunnah.
Warum diese Formeln in der Routine fehlen
Diese Duas gehören zu den Ma'thur-Formeln, also zu Bittgebeten, die an feste Übergänge des Tages gebunden sind. Ähnlich wie die Dua nach dem Adhan, die unmittelbar nach dem Gebetsruf gesprochen werden soll und in einem eigenen Hadith überliefert ist.
Das Problem ist nicht Unwissenheit. Es ist fehlende Wiederholung. Wer diese Duas drei Tage lang beim Eintreten laut genug spricht, um sie selbst zu hören, merkt: sie sitzen. Der Mund gewöhnt sich schneller als der Kopf denkt. Danach kommen sie automatisch, so wie das Bismillah vor dem Essen oder das Alhamdulillah nach dem Trinken.
Die Adhkar nach dem Pflichtgebet schließen sich an: Subhanallah 33 Mal, Alhamdulillah 33 Mal, Allahu Akbar 34 Mal. Wer noch keine Routine dafür hat, kann das Tasbih-Tool auf NamazWorld zum Zählen nutzen.
Eine kleine Entscheidung beim Betreten der Moschee. Sechs Wörter. Zwei Hadithe. Und ein vollständig anderes Bewusstsein dafür, warum man überhaupt hier ist.