Muhajirun: Die Auswanderer, die den Islam retteten
Im Jahr 622 n.Chr. brachen die ersten Muslime aus Mekka auf. In kleinen Gruppen, manchmal nachts, manchmal unter Vorwänden. Sie hinterließen Häuser, Handelsposten, Familien, Kinder. Der Islam kennt für sie einen festen Begriff: Muhajirun, die Auswanderer.
Wer die Muhajirun waren
Muhajirun, von hijra (Abkehr, Auswanderung), bezeichnet alle Muslime, die aus Mekka nach Medina auswanderten, bevor die Muslimgemeinschaft dort politische Stärke hatte. Der Zeitraum reicht von der ersten Auswanderungserlaubnis des Propheten (s.a.w.) bis zur Einnahme Mekkas im Jahr 630.
Das war kein Sammelbecken der Armen. Unter den Muhajirun befanden sich Abu Bakr as-Siddiq, der einflussreichste Kaufmann seiner Generation. Uthman ibn Affan, Fernhändler mit Kontakten bis nach Syrien. Abdurrahman ibn Awf, der nach seiner Ankunft in Medina innerhalb weniger Monate wieder ein Handelsimperium aufbaute. Sie verloren nicht aus Armut; sie gaben aus Überzeugung auf.
Was sie zurückließen
Suhaib ibn Sinan, ar-Rumi genannt, wollte Mekka verlassen. Männer der Quraysh stellten ihm nach. Er bot an: Nehmt mein gesamtes Vermögen, jedes Silberstück, dafür, dass ich gehen darf. Sie stimmten zu. Als der Prophet (s.a.w.) davon erfuhr, sagte er zweimal: "Suhaib hat gewonnen, Suhaib hat gewonnen." (überliefert bei al-Hakim, al-Mustadrak, authentifiziert). Sein Leben war wertvoller als sein Besitz.
Umm Salama erlebte das Scheitern. Als sie mit ihrem Mann Abu Salama aufbrechen wollte, hielt die Familie ihrer Frau sie zurück. Die Familie ihres Mannes nahm den Sohn. Über ein Jahr lebten sie getrennt, bevor Umm Salama allein mit dem Kind aufbrach.
Diese Trennungen waren die Regel, nicht die Ausnahme.
Die Verbrüderung in Medina
Angekommen in Medina, hatten die Muhajirun kein Netz. Keine Stammesanbindung, keine Handelsbeziehungen, keine Grundlage. Der Prophet (s.a.w.) reagierte mit al-Mu'akhat, der Verbrüderung: Er paarte jeden Muhajirun mit einem Ansari, einem Einheimischen aus Medina.
Sa'd ibn ar-Rabi' bot seinem neuen Bruder Abdurrahman ibn Awf an, sein Vermögen zu teilen und eine seiner Frauen zu heiraten. Abdurrahman lehnte ab. Er bat nur: Zeig mir den Weg zum Markt. Den Rest erledigte er selbst.
Diese Verbrüderung löste ein akutes Problem: soziale Eingliederung ohne staatliche Strukturen. Sie funktionierte, weil die Ansar bereit waren zu teilen, was sie hatten.
Ihr Rang im Quran und in der Sunna
"Die Vorausgegangenen (as-Sabiqun al-Awwalun) unter den Auswanderern und den Helfern und diejenigen, die ihnen in Gutem folgen, mit denen ist Allah zufrieden und sie sind mit Ihm zufrieden." (Sure 9:100)
Drei Gruppen nennt der Vers in fester Rangfolge: Muhajirun zuerst, dann Ansar, dann alle, die deren Weg gehen. Der Prophet (s.a.w.) sagte: "Beleidigt meine Gefährten nicht. Wäre einer von euch wie der Berg Uhud in Gold, würde er nicht das Maß einer Mudda von dem erreichen, was sie erreicht haben." (Sahih Bukhari, Nr. 3673)
Das ist keine rituelle Verehrung. Es ist eine Einordnung: Wer das Richtige tat, bevor der Ausgang sicher war, steht in einer anderen Kategorie.
Was ihr Handeln heute bedeutet
Der islamische Kalender beginnt mit der Hijra, nicht mit der Geburt des Propheten und nicht mit der ersten Offenbarung. Der Startpunkt der islamischen Zeitrechnung ist eine kollektive Tat, kein Datum. Die Muslime begannen, die Zeit zu zählen, als eine Gemeinschaft entschied, das Sichere aufzugeben, um dem Richtigen zu folgen.
Wer heute die Qibla für das Gebet bestimmt, betet in Richtung Mekka, weil die Muhajirun Mekka verlassen haben, um die Basis zu legen, von der aus es zurückgewonnen werden konnte.
Die Geschichte der Muhajirun steht nicht allein. Wer verstehen will, wie es dazu kam, liest den Artikel zur ersten Hidschra nach Abessinien: der Auftakt, der zeigte, dass Auswanderung möglich ist. Was in Medina folgte, war das größere Projekt.