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Spiritualitat

Riya: Wenn gute Taten die falsche Richtung nehmen

Fatima Demir – Autorin bei NamazWorldvon Fatima Demir·22. Mai 2026·4 Min. Lesezeit

Fajr ist gerade vorbei. Man sitzt noch auf dem Gebetsteppich und ueberlegt, ob man die Koranrezitation heute im Familiengruppenchat teilen soll. Nicht aus purer Angeberei. Nur um andere zu motivieren. Oder?

Genau an diesem Punkt beginnt Riya.

Was Riya bedeutet

Riya kommt aus dem Arabischen und heisst woertlich "zeigen" oder "sehen lassen". Im islamischen Verstaendnis meint es: religioese Handlungen so vollziehen, dass andere es sehen und einem Lob zoellen, statt sie einzig fuer Allah zu tun. Der Prophet, Friede und Segen auf ihm, nannte Riya den "kleinen Schirk" (arabisch: ash-shirk al-asghar). Ueberliefert von Mahmud ibn Labid in Musnad Ahmad, authentifiziert als sahih.

Klein bedeutet dabei nicht harmlos. Schirk, also das Beigesellen zu Allah, ist die einzige Suende, die laut Sure 4:48 ohne Reue unvergebbar bleibt. Riya ist eine abgestufte Form davon: Die Absicht gilt nicht mehr ausschliesslich Allah, sondern teilt sich.

Der Quran beschreibt Menschen mit Riya in Sure 4:142: "Wenn sie aufstehen zum Gebet, stehen sie traege auf, um von den Menschen gesehen zu werden." Kein schmeichelhaftes Bild.

Warum es so schwer zu erkennen ist

Riya schleicht. Sie fluestert.

Man fastet und erwaehnt es beim Mittagessen, scheinbar beilaeufig. Man betet in der Moschee und macht den Sujud etwas laenger als sonst, weil Leute daneben stehen. Man gibt Sadaqa und dokumentiert die Ueberweisung. Keiner dieser Momente fuehlt sich eindeutig falsch an. Das ist das Problem.

Hand aufs Herz: Wer von uns hat das nicht erlebt?

Islamische Gelehrte unterscheiden ausserdem zwischen Riya, die eine Handlung von Anfang an korrumpiert, und der nachtraeglichen Freude ueber Anerkennung. Letzteres schwaecht den Lohn nicht zwingend, wenn man aktiv gegensteuert. Aber wer die Stimme ignoriert, trainiert nichts.

Ein Hadith, der aufweckt

Sahih Muslim, Nr. 1905, ueberliefert eine der schwersten Szenen im ganzen Prophetenkatalog. Der Prophet, Friede und Segen auf ihm, beschreibt drei der Ersten, die am Tag des Gerichts ins Feuer kommen. Ein Maertyrer. Ein Gelehrter. Ein grosszuegiger Spender. Alle drei haben aeusserlich Aussergewoehnliches geleistet. Und alle drei wollten dafuer gesehen werden.

Das ist kein Randthema. Das ist Kern.

Vier Schritte dagegen

Erstens: Geheimhaltung als Uebung. Gute Taten eine Woche lang vollziehen, ohne sie zu erwaehnen. Nicht als Dauerzustand, sondern als Kalibrierung. Der Quran sagt in Sure 2:271: "Wenn ihr Almosen verbergt und den Armen gebt, ist das besser fuer euch."

Zweitens: Den Moment benennen. Nicht unterdruecken, sondern bemerken. Wenn der Wunsch nach Lob aufkommt, denkt man kurz: "Da ist Riya." Ibn Qayyim al-Jawziyya schreibt in "Madarij as-Salikin", dass das Bewusstsein ueber eine innere Krankheit der erste Schritt zur Heilung ist.

Drittens: Private Praxis staerken. Regelmaessiger stiller Dhikr, also ohne Publikum, baut genau das auf, was Riya abtraegt: die Verbindung zu Allah, die kein Mensch sieht. Die Tasbih-Funktion auf NamazWorld hilft beim stillen Zaehlen.

Viertens: Die spezifische Dua gegen Riya sprechen. Der Prophet lehrte: "Allahumma inni audhu bika an ushrika bika wa ana a'lam, wa astaghfiruka lima la a'lam." (Musnad Ahmad, sahih): "O Allah, ich suche Zuflucht bei Dir davor, Dir wissentlich etwas beizugesellen, und bitte Dich um Vergebung fuer unbewusste Fehler."

Was bleibt, wenn man aufhoert zu zeigen

Eine Freundin erzaehlte mir, dass sie aufgehoert hatte, ihre Gebete in den sozialen Medien zu teilen. Anfangs war da ein seltsames Gefuehl der Leere. Als ob das Gebet ploetzlich nichts mehr "zaehlte", wenn es niemand sah. Genau das ist die Diagnose.

Wer merkt, dass die Freude am Gebet sinkt, sobald niemand davon weiss, betet nicht nur fuer Allah.

Die gute Nachricht: Diese Leere fuellt sich. Mit etwas Ruhigerem und Stabilerem. Was Imam Ghazali in "Ihya Ulum al-Din" als Ikhlas beschreibt: aufrichtige Hingabe, nicht Perfektion, sondern Richtung. Wer tiefer in die innere Praxis einsteigen moechte, findet im Beitrag zu Ihsan: der hoechsten Stufe des Glaubens den naechsten Schritt.

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