Sutra im Gebet: Was ist als Sichtschutz erlaubt?
In meiner Moschee in Neukoelln werde ich nach dem Freitagsgebet regelmaessig gefragt: Darf ich einen Stuhl als Sutra benutzen? Die Antwort: Ja. Dahinter steckt mehr, als die Frage vermuten laesst.
Was die Sutra ist und wozu sie dient
Sutra (arabisch: سترة) bezeichnet einen Gegenstand, den man vor sich aufstellt, bevor das Gebet beginnt. Ihr Zweck ist doppelt: Sie markiert den Gebetsbereich und hindert andere daran, direkt vor dem Betenden vorbeizulaufen.
Der Prophet Muhammad, Friede und Segen auf ihm, nutzte dafuer regelmaessig seinen eingesteckten Speer oder einen aufgestellten Stock. Abu Said al-Khudri ueberliefert vom Propheten: "Wenn einer von euch betet, soll er etwas als Sutra vor sich aufstellen und sich ihr naehern." (Sahih Muslim, Nr. 504)
Das "Naehern" ist kein Zusatz. Der Betende soll nah an der Sutra stehen, ungefaehr eine Armlange entfernt. Wer zwei Meter dahinter betet, hat die Sutra zwar aufgestellt, aber ihre Funktion nicht erfullt.
Das Mindestmass
Ein konkretes Mindestmass gibt es. Der Prophet nannte als Grenze die Hoehe des hinteren Teils eines Kamelsattels, auf Arabisch "akhirat ar-rahl". Das entspricht rund 30 bis 35 Zentimetern. Die Breite des Gegenstands spielt keine Rolle, nur die Hoehe zaehlt.
30 Zentimeter klingt wenig, ist es auch. Ein Wasserglas wuerde nicht genuegen, ein Schuhkarton schon. Wichtig: Der Gegenstand muss deutlich sichtbar vor dem Betenden stehen, nicht flach auf dem Boden liegen.
Was als Sutra dient
Aus den Hadithen kennen wir: eingesteckter Speer, aufgestellter Stock, Wand, Saule. Yusuf ibn Abdillah al-Ansari ueberliefert, dass der Prophet bei einer Gelegenheit sagte: "Stell dir einen Gegenstand vor dich." (Abu Dawud, Nr. 686, als sahih eingestuft)
Fuer den Alltag heisst das: Ein Stuhl funktioniert. Ein Rucksack, eine Reisetasche, der eigene Schuh, eine Wasserflasche. Wer allein im Buero betet, stellt den Buerostuhl quer vor den Gebetsteppich. In der Moschee erledigt die Reihe vor einem diese Aufgabe automatisch.
Die Form des Gegenstands spielt keine Rolle. Entscheidend ist, dass er sichtbar vor dem Betenden steht und die Mindesthoehe erfullt.
Wenn jemand trotzdem vorbeilauft
Diese Sunnah ist wenig bekannt. Der Prophet sagte: "Wenn einer von euch eine Sutra aufgestellt hat und jemand versucht trotzdem davor vorbeizulaufen, soll er ihn aufhalten. Wenn er hartnackig ist, soll er gegen ihn vorgehen, denn er ist ein Shaytan." (Sahih Bukhari, Nr. 509; Sahih Muslim, Nr. 505)
"Vorgehen" meint keine Gewalt. Eine Hand ausstrecken, eine klare Geste machen, kurz die Person stoppen. Diese Handlung bricht das Gebet nicht. Das Gebet bleibt gueltig, auch wenn jemand letztendlich durchlaeuft.
Problematisch ist das Durchgehen zwischen dem Betenden und seiner Sutra, nicht das Vorbeigehen weit dahinter. Wer einen Meter hinter der Sutra vorbeilaeuft, beeintraechtigt das Gebet nach Mehrheitsmeinung kaum.
Ohne Sutra ist das Gebet gueltig
Die Mehrheit der Gelehrten bewertet die Sutra als Sunnah muakkadah: stark empfohlen, aber keine Pflicht. Das Gebet ohne Sutra ist gueltig.
Manche Ueberlieferungen erwaehnen einen auf dem Boden gezogenen Strich als Notbehelf. Der zugrundeliegende Hadith (Ibn Majah, Nr. 943) gilt bei vielen Muhaddithun als schwach. Besser als ein Strich ist stets ein realer Gegenstand, auch wenn er klein ist.
Wer das naechste Mal den Gebetsteppich ausrollt, stellt einfach die Flasche davor. Dreissig Sekunden, und eine Sunnah des Propheten lebt weiter. Fragen zur Gueltigkeit des Gebets beantwortet unser Artikel zu vergessenen Gebeten und ihrer Nachholung. Die innere Qualitaet des Gebets ist das Thema in unserem Beitrag zu Khushu im Gebet.