Zawaal: Die drei verbotenen Gebetszeiten im Islam
Wer morgens nach dem Fajr-Gebet noch schnell ein paar freiwillige Rak'at betet, macht manchmal etwas falsch. Nicht weil das Gebet an sich falsch wäre, sondern weil die Sonne gerade aufgeht. Der Prophet (Friede sei auf ihm) hat drei konkrete Zeitfenster benannt, in denen das Gebet ausdrücklich verboten ist. Auf Arabisch heißen sie awqat al-nahy.
Was ist der Zawaal?
Das Wort Zawaal bezeichnet den exakten Kulminationspunkt der Sonne: den Moment, in dem sie ihren Höchststand erreicht und wieder zu sinken beginnt. Dieser Punkt liegt nicht bei 12:00 Uhr auf der Uhr, sondern variiert täglich nach Breitengrad und Jahreszeit. In Frankfurt liegt er im Winter bei etwa 12:18 Uhr MEZ, im Sommer erst um 13:30 Uhr MESZ. Die Gebetszeiten auf NamazWorld zeigen für jede Stadt den genauen Verlauf der Sonne über den Tag.
Die drei verbotenen Zeiten
'Uqba ibn 'Amir al-Juhani berichtet vom Propheten (Friede sei auf ihm) drei Zeiten, zu denen er das Beten und die Bestattung von Toten verboten hat. Beim Aufgang der Sonne, bis sie vollständig aufgegangen ist. Wenn die Sonne im Zenit steht, bis sie weitergerückt ist. Und wenn die Sonne dem Untergang entgegengeht, bis sie vollständig untergegangen ist (Sahih Muslim, Nr. 831).
Sonnenaufgang: Das Verbot beginnt, sobald die erste Sonnenscheibe am Horizont sichtbar wird. Es endet, wenn die Sonne eine Speerlänge über dem Horizont steht, das entspricht in der Praxis 15 bis 20 Minuten. Wer in München im Juni um 5:28 Uhr das Fajr-Gebet beendet, hängt keine freiwilligen Rak'at mehr an.
Zawaal: Das Verbot dauert hier nur wenige Minuten, von kurz vor bis kurz nach dem Kulminationspunkt. Danach beginnt sofort die Dhuhr-Zeit. Wer in der Mittagspause um 12:30 Uhr beten will, sollte kurz prüfen, ob der Zawaal schon eingetreten ist.
Sonnenuntergang: Das Verbot tritt ein, wenn sich die Sonne spürbar dem Horizont nähert. Wer Asr zu lange hinausschiebt, kann in diesen Bereich geraten. Auch die Hanafi-Schule kennt hier einen makruh-Bereich, also eine missbilligte Zeit für Asr kurz vor Sonnenuntergang.
Warum gerade diese drei Momente?
Die Erklärung der Gelehrten ist eindeutig. In der vorislamischen arabischen Welt banden viele Stämme ihre Anbetung an die Position der Sonne: Aufgang, Mittagszenit, Untergang. Das muslimische Niederfallen genau zu diesen Momenten hätte nach außen hin kaum von Sonnenanbetung zu unterscheiden sein können. Der Prophet hat diese Verwechslung kategorisch ausgeschlossen.
Als Physiker kommt mir dabei ein weiterer Gedanke. Der Zawaal ist der Moment, in dem die Sonne scheinbar stillsteht, bevor sie wieder sinkt. Sonnenaufgang und -untergang sind atmosphärisch dramatische Schwellenpunkte, die in zahllosen Kulturen sakrale Bedeutung hatten. Der Islam entzaubert sie: Diese Momente sind kein Ort für Anbetung.
Vergessene Pflichtgebete in verbotenen Zeiten
Hier die entscheidende Alltagsfrage: Was, wenn ich Fajr verschlafen habe und es ist bereits Zawaal?
Die Mehrheitsmeinung der Gelehrten, darunter Imam Schafi'i und die Maliki-Schule, lautet: Qada-Gebete (nachgeholte Pflichtgebete) sind vom Verbot ausgenommen. Abu Hurayra überliefert vom Propheten: "Wer ein Gebet vergisst oder verschläft, der soll es verrichten, sobald er sich erinnert. Es gibt keine andere Sühne dafür" (Sahih Bukhari, Nr. 597). Das "sobald" schließt keine Zeit aus.
Die Hanafi-Schule ist hier strenger und verbietet Qada-Gebete auch in den drei verbotenen Zeiten. Da viele Muslime in Deutschland der Hanafi-Madhab folgen, lohnt sich die Kenntnis dieser Meinung. Mehr dazu im Artikel über das Nachholen vergessener Gebete.
Freiwillige Gebete: Wann ist was erlaubt?
Nach dem Fajr-Pflichtgebet sind keine freiwilligen Rak'at erlaubt, bis die Sonne vollständig aufgegangen ist. Das Ishraq-Gebet beginnt genau nach dieser Speerlängen-Zeit. Das Duha-Gebet schließt sich daran an und endet spätestens beim Zawaal.
Zwischen Asr und Maghrib sind ebenfalls keine freiwilligen Nafilah erlaubt. Kein Ermessensspielraum hier.
Tahajjud und andere Nachtgebete sind von den awqat al-nahy nicht betroffen. Die verbotenen Zeiten betreffen ausschließlich den Tagbogen der Sonne.