Die vier Rechtgeleiteten Kalifen im Ueberblick
Siebenundzwanzig Jahre. So kurz war die gemeinsame Regierungszeit der vier Khalifa ar-Rashidun, der rechtgeleiteten Nachfolger des Propheten. Gemessen an Jahrhunderten islamischer Geschichte ist das wenig. Trotzdem praegte diese Zeit das Verstaendnis von Gemeinschaft, Regierung und Fiqh staerker als alles, was danach kam.
Der Prophet Muhammad, Friede sei mit ihm, wies selbst auf sie hin. Im Hadith bei Abu Dawud, Nr. 4607 (sahih), heisst es: "Haltet euch an meine Sunna und die Sunna der rechtgeleiteten Kalifen nach mir. Beisst euch daran fest." Fuer alle vier Rechtsschulen sind ihre Entscheidungen bis heute verbindliche Referenz.
Abu Bakr as-Siddiq: Stabilitaet in Stunde null
Abu Bakr uebernahm die Fuehrung im Jahr 632 n. Chr. Die Gemeinde stand unter Schock. Der Prophet war tot. Einige arabische Staemme sahen das als Ende ihrer Verpflichtung und wandten sich vom Islam ab. Abu Bakr zoegerte nicht: Die Ridda-Kriege, die Feldzuege gegen die Abtruennigen, hielten die Gemeinschaft zusammen.
Seine Amtszeit dauerte nur zwei Jahre und drei Monate. Trotzdem liess er auf Anraten von Umar ibn al-Khattab die zerstreuten Quran-Aufzeichnungen schriftlich sammeln und zu einem kohaerenten Dokument binden. Damals von manchen Sahaba abgelehnt. Aus heutiger Sicht unbestreitbar die richtige Entscheidung.
Umar ibn al-Khattab: Zehn Jahre, die die Welt veraenderten
Unter Umar, der von 634 bis 644 n. Chr. regierte, dehnte sich das islamische Reich rasant aus. Syrien, Irak, Aegypten, Teile Persiens. Neue Staedte wurden gegruendet, darunter Basra und Kufa. Was mich als Historiker aber mehr interessiert als die Territorialkarten: die Innenpolitik.
Umar fuehrte ein geregeltes Steuerwesen ein, unabhaengige Richter (Qadis) in den Provinzen, ein zentrales Finanzregister. Er streifte nachts durch Medina und pruefte persoenlich, ob jemand in Not war. Der Beiname "al-Faruq", der Unterscheider von Wahrheit und Falschheit, beschrieb keine abstrakte Tugend, sondern etwas, das die Leute taglich sahen. Seine Ermordung 644 n. Chr. durch einen persischen Sklaven beendete eine Aera ohne Vorlaeuferin.
Uthman ibn Affan: Der Mushaf fuer alle
Uthman regierte von 644 bis 656 n. Chr. In verschiedenen Regionen des Reichs kursierten unterschiedliche Quran-Lesarten. Die Einheit des Textes war in Gefahr. Uthman liess eine einheitliche Abschrift anfertigen, den "Uthmani-Mushaf", und alle anderen Abschriften einziehen. Jede heutige Quran-Ausgabe weltweit geht auf diese Abschrift zurueck.
Ob diese Entscheidung rechtmaessig war, wird unter bestimmten Gruppen bis heute diskutiert. Die grosse Mehrheit der sunnitischen Gelehrten bewertet sie als notwendig und korrekt. Uthmans Ermordung 656 n. Chr. durch Rebellen aus Aegypten war der erste gewaltsame Tod eines Khalifa.
Ali ibn Abi Talib: Weisheit in der Fitna
Ali war Cousin und Schwiegersohn des Propheten, verheiratet mit Fatima az-Zahra. Er uebernahm das Amt 656 n. Chr. und regierte bis zu seiner Ermordung 661 n. Chr. Mitten in der ersten innerislamischen Krise, der Fitna.
Die Kamelschlacht (656 n. Chr.) und die Schlacht von Siffin (657 n. Chr.) praegten seine Regierungszeit. Ali war ein herausragender Jurist und Redner. Viele seiner Weisheiten sind in der Sammlung "Nahj al-Balagha" erhalten. Allah sagt in Sure 4:59: "Gehorcht Allah, gehorcht dem Gesandten und denen unter euch, die Autoritaet innehaben." Sunnitische Gelehrte verstehen darunter an erster Stelle die vier rechtgeleiteten Khalifa.
Mit Alis Tod 661 n. Chr. endete die Aera der Khulafa ar-Rashidun. Was folgte, die Herrschaft der Umayyaden, war anderer Natur.
Wer das Umfeld dieser vier verstehen will, findet im Beitrag zu den Sahaba, den Gefaehrten des Propheten weiterfuehrende Hintergrundinformationen. Und die Geschichte der Kaaba zeigt, welch altes Erbe sie als Hueter der Gemeinschaft verwalteten.