Wasiyya: Was das islamische Testament regelt
Wer morgens aufwacht und gesund ist, denkt selten ans Sterben. Das ist menschlich. In der islamischen Überlieferung gilt es aber als Fehler, diese Realität dauerhaft zu verdrängen. Der Prophet Muhammad (Friede sei mit ihm) sagte: "Es ist die Pflicht jedes Muslims, der etwas zu vermachen hat, nicht zwei Nächte zu verbringen ohne sein Testament." (Sahih Bukhari, Nr. 2738; Sahih Muslim, Nr. 1627). Zwei Nächte. Nicht irgendwann.
In meiner Arbeit als Mediatorin für muslimische Familien in Frankfurt erlebe ich regelmäßig, was passiert, wenn keine Wasiyya existiert. Geschwisterstreitigkeiten über Monate. Immobilien, die niemand nutzen kann, weil die Erbengemeinschaft zerstritten ist. Kinder, die dem verstorbenen Elternteil keine würdige letzte Ruhestätte geben können, weil kein Geld zugänglich ist. Das meiste davon wäre vermeidbar gewesen.
Was der Quran zur Wasiyya sagt
Sure 2:180 ist direkt: "Wenn der Tod einen von euch naht und er Güter hinterlässt, so ist es euch als Pflicht auferlegt, ein Testament zugunsten der Eltern und nächsten Verwandten in billiger Weise zu verfassen." Das war die Regelung, bevor die detaillierten Erbschaftsverse (Sure 4:11-12) die Faraid (Pflichtanteile) einführten. Die Gelehrten sind sich einig: Die Wasiyya hat ihren Platz behalten, nur ihr Anwendungsbereich wurde präzisiert.
Nach herrschender Meinung ist eine Wasiyya verpflichtend (wajib) für jeden, der offene Verbindlichkeiten hat. Schulden, Kaffarah, Gebete, die nachgeholt werden sollen, moralische Verpflichtungen, die niemand sonst kennt. Darüber hinaus wird sie empfohlen (mustahabb) für alle, die bestimmte Wünsche für die Zeit nach dem Tod haben.
Die Faraid: Wer erbt wie viel?
Sure 4:11-12 legt die Pflichtanteile fest. Ehepartner, Kinder, Eltern: Sie alle haben koranisch definierte Anteile, die durch keine Wasiyya entzogen werden können. Das ist kein Nebenpunkt.
Töchter erben die Hälfte des Sohnesanteils. Die Ehefrau erhält ein Achtel bei vorhandenen Kindern, ein Viertel ohne. Der Ehemann bekommt ein Viertel bei Kindern, die Hälfte ohne. Wenn mehrere Verwandtschaftsgrade zusammenkommen, wird die Berechnung schnell komplex. Wer Klarheit will, sollte einen islamisch qualifizierten Rechtsberater hinzuziehen.
Was viele nicht bedenken: Nicht-Muslime erben nach islamischem Erbrecht nicht von Muslimen. Wer nicht-muslimische Angehörige oder Freunde versorgen möchte, muss das explizit in der Wasiyya festhalten.
Wie viel darf die Wasiyya regeln?
Maximal ein Drittel des Nachlasses darf an Personen gehen, die nicht zu den gesetzlichen Erben gehören. Wohltätige Organisationen, Freunde, entfernte Verwandte ohne Faraid-Anspruch. Wer mehr als ein Drittel vermacht, handelt gegen die Sunna. Der Hadith dazu ist eindeutig: "Ein Drittel, und ein Drittel ist viel." (Sahih Bukhari, Nr. 2742). Der Prophet sprach das zu Sa'd ibn Abi Waqqas, der die Hälfte seines Vermögens spenden wollte.
Gesetzliche Erben dürfen durch die Wasiyya grundsätzlich nichts zusätzlich erhalten. Es sei denn, alle anderen Erben stimmen ausdrücklich zu. Das ist der klassische Standpunkt aller vier Rechtsschulen.
Wasiyya in Deutschland: Was Muslime konkret tun sollten
Ohne eigenes Testament gilt in Deutschland automatisch die gesetzliche Erbfolge nach BGB. Diese kollidiert an einigen Punkten mit islamischem Erbrecht, besonders bei der Gleichbehandlung von Söhnen und Töchtern. Nach der EU-Erbrechtsverordnung (Nr. 650/2012) können Staatsangehörige eines EU-Landes das Recht ihres Heimatstaates wählen. Wer diese Wahl nicht trifft, unterliegt automatisch deutschem Recht.
Ein handschriftliches und unterschriebenes Testament ist in Deutschland ohne Notar gültig. Es sollte alle Schulden und Verbindlichkeiten benennen, offene Zakatpflichten, eventuelle Kaffarah, sowie die Wünsche zur Bestattung und zur Waschung. Gerade die Bestattungsfrage ist für Muslime in Deutschland entscheidend. Wer möchte hier beerdigt werden? Wer im Herkunftsland? Das schriftlich festzuhalten entlastet die Familie in einem Moment, in dem sie bereits mit Trauer kämpft.
Mehr zum islamischen Familienrecht und seinen praktischen Aspekten in Deutschland findest du im Artikel zur muslimischen Hochzeit und Nikah und zu Fatwa im Islam. Beim Schreiben der Wasiyya empfiehlt sich auch ein Blick in die Dua-Sammlung auf NamazWorld, wo Bittgebete für wichtige Lebensmomente gesammelt sind.
Fang heute an. Nicht irgendwann. Zwei Nächte, hat der Prophet gesagt.