Hijri-Kalender: Wie Umar den Jahresbeginn festlegte
Ein Brief aus dem Jemen, datiert auf "Schaban", landet im Jahr 17 AH beim Sekretariat in Medina. Gleichzeitig trifft ein zweites Schreiben ein, ebenfalls "Schaban". Welcher ist älter? Niemand weiß es. Die islamische Verwaltung wächst, aber arabische Dokumente kennen seit jeher Monatsnamen ohne Jahreszahlen. Das Durcheinander häuft sich bis zum Verwaltungsnotstand.
Umar ibn al-Khattab, zweiter Kalif der Muslime, zieht die Konsequenz.
Umar beruft einen Rat der Sahaba
638 n.Chr. versammeln sich die bedeutendsten Gefährten in Medina, um eine Lösung zu finden. Die Frage klingt einfach: Welches Ereignis der muslimischen Geschichte soll als Ausgangspunkt für die Jahreszählung dienen?
Drei Vorschläge liegen auf dem Tisch. Die Geburt des Propheten Muhammad (Friede sei auf ihm). Der erste Offenbarungstag im Ramadan. Und die Hijra: die Auswanderung des Propheten von Mekka nach Medina im Jahr 622 n.Chr.
Ali ibn Abi Talib (möge Allah mit ihm zufrieden sein) spricht sich klar für die Hijra aus. Seine Begründung: Die Auswanderung war der Moment, in dem Wahrheit und Falschheit sich trennten. Bevor die Gemeinde Medina erreichte, war der Islam eine verfolgte Bewegung ohne politischen Rahmen. Danach entstand eine Gemeinschaft mit Verfassung, Verbündeten und Verwaltung. Dieser Schnitt verdient den Ausgangspunkt. Nicht der Geburtstag des Propheten, nicht die erste Offenbarung, sondern der Aufbruch.
Umar und die Versammlung stimmen zu.
Warum Muharram und nicht Rabi al-Awwal?
Die Hijra selbst begann im Monat Rabi al-Awwal. Die logische Frage: Warum startet das Hijri-Jahr trotzdem mit Muharram?
Uthman ibn Affan (möge Allah mit ihm zufrieden sein) schlägt Muharram vor. Die Pilger kehren in diesem Monat vom Hajj aus Mekka zurück. Dhul-Hijjah ist der Pilgermonat, Muharram der erste Monat danach. Ein natürlicher Neubeginn für die gesamte Gemeinschaft. Außerdem zählt Muharram zu den vier heiligen Monaten, die der Quran in Sure 9:36 ausdrücklich nennt: "Die Anzahl der Monate bei Allah ist zwölf Monate, festgelegt am Tag, als Er die Himmel und die Erde erschuf, davon sind vier heilig."
Muharram als erster Monat also, nicht weil der Prophet damals gereist ist, sondern weil der Monat selbst Tiefe hat. Ich habe in Medina Gelehrte getroffen, die diese Entscheidung als genial beschreiben: Der Kalender beginnt nicht nach der Idee der Hijra, sondern nach der Rückkehr der Pilgernden. Wer Dhul-Hijjah hinter sich hat, beginnt Muharram als ein Mensch, der gerade bei der Kaaba war. Das ist kein schlechter Ausgangspunkt.
Ein Kalender, der rückwärts rechnet
Eine Feinheit, die oft übersehen wird: Der erste Hijri-Jahresbeginn wurde rückwirkend gesetzt. Umar und die Sahaba saßen im Jahr 17 AH und erklärten, dass das Jahr der Hijra rückwirkend das Jahr 1 AH sei. Der Kalender begann nicht neu. Er bekam Ordnung.
Das hatte unmittelbare praktische Folgen. Verträge, Ernennungsurkunden, Briefe konnten fortan mit einer eindeutigen Jahreszahl versehen werden. Gleichzeitig bekam die islamische Geschichte ein kollektives Gedächtnis. Jede Zahl bezieht sich auf dieselbe Auswanderung.
Das Wort "Hijri" leitet sich direkt von "Hijra" ab. Nicht von Sieg, nicht von Geburt, sondern von Aufbruch. Wer heute "1 Muharram 1448" schreibt, erinnert an eine Karawane, die in der Nacht Mekka verließ.
Was dieser Kalender bis heute trägt
Der Prophet (Friede sei auf ihm) hob Muharram ausdrücklich hervor: "Das beste Fasten nach Ramadan ist im Monat Allahs, dem Muharram." (Sahih Muslim, Nr. 1163) Kein Zufall, dass dieser Monat am Jahresanfang steht. Ashura, der zehnte Muharram, verbindet die Rettung von Musa (AS) mit der Gemeinschaft des Propheten. Der Kalender ist kein Verwaltungsinstrument, er ist ein Gerüst aus Erinnerung.
638 n.Chr. hat ein Rat in Medina entschieden, dass die Zeit der Muslime nicht mit einem Geburtstag beginnt, nicht mit einem Sieg, sondern mit einer Bewegung. Mit dem Schritt, Mekka zu verlassen, obwohl niemand wusste, was in Medina wartet.
Wer mehr über den technischen Aufbau des Mondkalenders erfahren möchte, findet eine genaue Erklärung im Beitrag über den islamischen Kalender und seine Berechnung. Die Geschichte von Umar und den anderen drei Kalifen beschreibt der Artikel über die vier Rechtgeleiteten Kalifen.