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Sunniten und Schiiten: Wie kam es zur Spaltung?

Mustafa Erdoğan – Autor bei NamazWorldvon Mustafa Erdoğan·15. Juni 2026·4 Min. Lesezeit

Das Jahr 632 n. Chr. Der Prophet Muhammad, Friede sei mit ihm, starb in Medina. Er hinterließ keinen schriftlichen Nachfolgeplan. Die Frage "Wer führt jetzt?" traf die noch junge muslimische Gemeinschaft unmittelbar.

Ein Streit um Nachfolge: Der Ursprung

Die Mehrheit entschied sich für Abu Bakr as-Siddiq, einen der engsten Vertrauten des Propheten. Er wurde noch am Tag des Todes auf der Versammlung von Saqifah Bani Sa'idah als erster Kalif ausgerufen. Eine kleinere Gruppe war anderer Meinung: Sie bestand darauf, dass Ali ibn Abi Talib, Cousin und Schwiegersohn des Propheten, der einzig rechtmäßige Führer sei. Aus dieser Gruppe, arabisch "Shi'at Ali" (Partei Alis), entstand im Laufe von Generationen das, was wir heute als Schiismus kennen. Mehr zu den Gefährten und ihrer Rolle in dieser Geschichte findet sich im Artikel über die Sahaba.

Der Bruch war kein Moment. Er war ein Prozess von Jahrzehnten.

Die Tragödie von Kerbela

Das entscheidende Trauma für die schiitische Geschichte ereignete sich fast fünfzig Jahre nach dem Propheten. Husayn ibn Ali, Enkel des Propheten und Sohn Alis, zog am 10. Muharram 61 AH (Oktober 680 n. Chr.) mit einer kleinen Gruppe von rund 72 Begleitern in die Wüste von Kerbela im heutigen Irak. Gegenüber stand das Heer des Umayyaden-Kalifen Yazid mit Tausenden Soldaten. Husayn starb.

Für schiitische Muslime ist Kerbela das theologische Zentrum der Trauer. Der 10. Muharram wird als Aschura-Tag mit Gedenkprozessionen begangen, besonders in Iran, Irak und Libanon. Sunniten respektieren Husayns Märtyrertod ebenfalls, fasten an Aschura aus anderem Grund (Überlieferung von Moses' Befreiung durch Allah, Sahih Bukhari, Nr. 2004), und praktizieren die schiitische Trauerform nicht.

Was theologisch unterschiedlich ist

Der Kern liegt in der Imamat-Lehre. Zwölferschiiten, die größte schiitische Gruppe, glauben an zwölf Imame in direkter Linie von Ali: göttlich bestimmt, unfehlbar in religiösen Fragen. Der zwölfte Imam, Muhammad al-Mahdi, gilt seit 874 n. Chr. als verborgen (Ghayba) und soll am Ende der Zeit zurückkehren.

Sunniten kennen keine Unfehlbarkeit der Nachfolger nach dem Propheten. Die vier rechtgeleiteten Kalifen Abu Bakr, Umar, Uthman und Ali werden hochgeschätzt, aber nicht als gottesbestimmt oder unfehlbar angesehen.

Praktisch sichtbar: Schiiten verbinden Dhuhr und Asr sowie Maghrib und Isha zu je einem Gebetsblock, was de facto drei Gebetszeiten ergibt. Im sunnitischen Fiqh ist das Zusammenlegen nur auf Reise oder bei Notstand erlaubt. Auch die Muta-Ehe (zeitlich befristete Ehe) gilt im Zwölferschiitentum als erlaubt, in allen vier sunnitischen Rechtsschulen als verboten.

Was beide verbindet

Dieselbe Shahada. Derselbe Quran. Fünf Säulen. In Mekka, beim Tawaf um die Kaaba, stehen Sunniten und Schiiten Schulter an Schulter.

Der Quran sagt ausdrücklich: "Haltet alle gemeinsam am Seil Allahs fest und trennt euch nicht." (Sure 3:103) Schiitische Autoritäten wie Ayatollah Sistani und die sunnitische Azhar-Universität in Kairo haben wiederholt zu gegenseitigem Respekt aufgerufen.

Schätzungen: Rund 85 bis 90 Prozent der weltweiten 1,9 Milliarden Muslime sind sunnitisch. Schiiten machen 10 bis 15 Prozent aus, mit Hochburgen in Iran, Irak, Bahrain, Libanon und Teilen Süd- und Zentralasiens.

Wie das in Deutschland relevant wird

In deutschen Moscheen treffen täglich Muslime unterschiedlicher Herkunft aufeinander. Ein Iraner betet anders als ein Türke, der wiederum anders als ein Marokkaner. In der Praxis grüßen sich die meisten, beten in denselben Räumen, sitzen zusammen beim Iftar.

Als Historiker sage ich: Das Wissen um den Ursprung dieser Trennung macht sie weniger groß, nicht größer. Sie entstand aus einer politischen Frage. Dass daraus Theologie wurde, ist das Ergebnis von Jahrhunderten. Verstehen verkleinert die Distanz.

Für die tägliche Praxis: Wer seine Gebetszeiten nach einer bestimmten Berechnungsmethode ermitteln möchte, findet auf NamazWorld verschiedene Methoden. Die Qibla-Richtung zeigt für alle in dieselbe Richtung.

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